Ich raff das nicht Ich raff das nicht Ich raff das nicht

Vor zwei Tagen zeigte mir ein Freund dieses Online-Video der Performance EXERGIE – butter dance von Melati Suryodarmo, aufgeführt am 10 Juni 2010 im Lilith Performance Studio in Malmö. Frei nach dem Motto „Du studierst sowas doch“. Im Hintergrund die Frage „Was soll das eigentlich?“

Ich könnte an dieser Stelle natürlich über den Sinn dieser Performance und über Performance Art im Allgemeinen sprechen. Aber das interessiert mich bei diesem Beispiel erst mal nicht. Was mich dagegen wahnsinnig fasziniert ist die Rezeption dieses Videos.

Das Video wurde auf YouTube gestellt und gelangte von dort unter dem Titel Butterstampfer auf eine Homepage namens bildschirmarbeiter.com, auf der es um mehr oder weniger komische sowie erotische Inhalte aus dem Internet geht. Besonders beliebt scheinen Unfallvideos von Skatern oder Katzen zu sein. In diesem Zusammenhang wurde also das Video von Suryodarmo gezeigt und entsprechend kommentiert. Auch die Überschrift meines Blog-Artikels stammt aus der langen Liste von Kommentaren zu dem Video, sowie folgende Zitate:

Ist das Kunst oder kann das weg?

(von senfi, 28.4.12)

Diese Frage war zu erwarten. Kunst ist ja bekanntermaßen eine Sache des selbstgenügsamen Bildungsbürgertums, trotz aller entgegengesetzten Anstrengungen. Außerdem heißt es:

Das müssen HÜBSCHE Frauen NACKT tanzen, erst dann ergibt das einen Sinn!

(von Cool, 30.4.12)

Anstatt sich mit dem Video auseinander zu setzen, werden sexistische Gendervorstellungen gepflegt. Aber auch das überrascht mich nicht, wenn ich mir diese Homepage genauer ansehe. Es soll an dieser Stelle nicht um Sexismus gehen, aber ich führe dieses Zitat an, weil es wichtig für das Verständnis des nächsten Zitates geht. Entgegen aller anderen Kommentare setzt sich folgender nämlich tatsächlich mit dem inhaltlichen Aspekt der Performance auseinander. Damit der Kommentator jedoch ernst genommen wird und Teil der Community bleibt, muss er ihr einen Tribut zollen:

Meine Güte das sieht doch jeder was das darstellt:
Auf dem rutschigen Parkett des Lebens immer wieder aufzustehen, obwohl es gar zum Scheitern verurteilt ist, schuldet Respekt und Anerkennung. Obwohl es offensichtlich ist, dass der Kampf gegen diese Widrigkeiten hoffnungslos ist, man selbst aber im Teufelskreis des Überlebenswillens gefangen ist, und man nur eine Marionette der Umwelt ist, welche einen als jämmerliche Figur nur zur Eheiterung duldet und über unsere Wertlosigkeit an sich spöttisch höhnt.

Bumsen würd’ ich die nicht…

(von Guybrush Threepwood, 28.4.12)

Da stellt sich die Frage: Wird man aus bestimmten Kreisen ausgeschlossen, wenn man versucht, Kunst zu verstehen? Ist Kunst ein Abgrenzungsmittel? Und kann man das, was sich heute Kunst nennt überhaupt ernst nehmen? Nicht, wenn man der gleichen Meinung ist wie Kat the Nomad, die in ihrem Blogeintrag zu Melati Suryodarmo feststellt, dass sich heutzutage jeder „Künstler“ schimpfen darf, ohne ein bestimmtes Talent zu haben oder Handwerk zu beherrschen. Sie behauptet, Kreativität sei tot. Stattdessen bestimme man Kunst dort, wo Bedeutung gesucht und hineingelesen wird und distanziert sich von dieser Form von Kunstproduktion. Sie fragt:

Is this a 21st century reincarnation of the “Emperor’s New Clothes?”

Ähnlich verhält es sich mit den Kommentaren auf der Seite von YouTube, auf der das Video zu EXERGIE – butter dance zu sehen ist. Einer der Top-Kommentare lautet:

It’s not art, and it’s not interesting. It’s just funny cos it’s a woman falling over again and again. This just shows that anything can be passed off as art nowadays, even something so obviously ridiculous as someone dancing in butter. And if you ask me if you’re ‚interested enough‘ to call that art then you’re a fool. Because it’s a woman dancing. In butter. When did art stop being about art and start being about being a douche-bag and looking down on people who don’t ‚get it‘.

(von thesuperewan, am1.5.12)

Hier geht es nicht nur um die Kritik am herablassenden Kunst-Versteher, auch wenn das ein wichtiger Aspekt ist und die These stützt, das Kunst nicht etwa zur Bildung beiträgt, sondern eine bestehende Bildungsschicht noch stärker von anderen Schichten abgrenzt. Hier drängt sich die Frage auf: „Was ist Kunst?“ – Darf Kunst komisch sein? Muss Kunst schön sein? Muss Kunst kritisch sein? Muss man Kunst verstehen? Was tun wir mit Kunst, die wir nicht verstehen? Und überhaupt: wer darf und kann Kunst produzieren?

In Zeiten von YouTube und Co., in denen jeder Mensch die Chance hat berühmt zu werden und in denen technische Hilfsmittel immer günstiger und einfacher zu bedienen sind, werden wir überschwemmt von Videos, Fotos und Texten, in denen die Menschen sich selbst ausdrücken, in denen sie kritisch und kreativ sind und sich der Welt mitteilen. Gleichzeitig wird Kunst in elitären Kreisen dort bestimmt, wo sie vor der Welt geschützt wird: In Museen und auf Bühnen. In sterilen Räumen, die Ehrfurcht vor dem übermächtigen, intellektuellen Künstler heraufbeschwören. In Diskussionen, die keine Schwäche, kein Nicht-Verstehen und keine Naivität zulassen. Ich zumindest hätte echte Hemmungen zu fragen: „Was soll das eigentlich?“

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4 Gedanken zu “Ich raff das nicht Ich raff das nicht Ich raff das nicht

  1. wie man das auch interpretieren mag – und ich glaube, da gibt’s viele möglichkeiten: aus dem bauch raus finde ich die performance geradezu packend. was für eine person! danke für eine inspiration!

  2. vielleicht ein kritischer kommentar zu beuys? der spielte auch gern mit fett und war der ansicht, jeder mensch sei ein künstler. but i don’t get it either. de gustibus und so. ich mach jedenfalls weiter mit meiner videokunst, auch wenn die mehr inhalt hat. -I.

    • Der Vergleich zu Beuys – auch ein Ansatz. Man könnte das Ganze aber auch in einen Zusammenhang mit Gendertheorien, Sexismus und Kritik an Schönheitsidealen bringen. Ich werde jedenfalls weiterhin deinem Blog folgen. Und wenn wir ehrlich sind, ist deine „Videokunst“ ja nicht gerade leichter zu verstehen. Trotzdem warte ich auf mehr.

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