Schwester von

04.05.2012, Das NT Gent zu Gast bei den Münchner Kammerspielen: Schwester von. Ein Monolog von Lot Vekemans.

Auf der Bühne steht Elsie de Brauw als Ismene, Schwester von — einer Frau, die so gut wie jeder kennt, einer Heldin der Antike und einer Person, deren Namen nie wieder genannt werden soll. Zumindest nicht von Ismene, die nun nach 3000 oder mehr Jahren aus dem Schatten ihrer Schwester tritt und IHRE Version der Geschichte erzählt.

Für alle, die gerade nicht wissen, von wem die Rede ist, eine Zusammenfassung (alle anderen sollten den folgenden Absatz überspringen):                                                                                                  Ismene ist die Schwester von Antigone, der großen moralischen Heldin unter den Nachfahren des verfluchten König Ödipus, der unwissentlich seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet. Mit ihr, Iokaste, zeugt er die eineiigen Zwillingssöhne Eteokles und Polyneikes, sowie die Töchter Antigone und Ismene. Als Ödipus erfährt, was er angerichtet hat, sticht er sich die Augen aus und wird aus seinem Reich und der Stadt Theben verbannt. Iokaste erhängt sich mit ihrem Schleier. Unter den Söhnen entbrennt ein Streit um den Königsthron, der von Eteokles eingenommen wird. Daraufhin greift Polyneikes seinen Bruder an und wird dadurch zum Staatsfeind. Im Kampf töten sich die beiden Zwillingsbrüder gegenseitig. Die beiden Mädchen Antigone und Ismene bleiben alleine bei ihrem Onkel Kreon zurück, der die Macht in Theben übernimmt. Der neue König lässt Eteokles beerdigen, aber Polyneikes Leichnam wird vor den Stadtmauern den Wölfen und Aasgeiern überlassen. Kreons Gesetz verbietet die Beerdigung des Staatsfeindes Polyneikes unter Todesstrafe. Antigone widersetzt sich diesem Gesetz, um ihren Bruder und die Gesetze der Götter zu ehren und bedeckt den Leichnam mit Erde. Als diese Tat entdeckt wird, wird sie zum Tode verurteilt und bei lebendigem Leib in eine Höhle gesperrt. Sie wartet ihren langsamen Tod jedoch nicht ab und erhängt sich, wie ihre Mutter, mit ihrem Schleier.

Ismene wird in den Dramen um ihre Familie nie eine bedeutende Rolle oder viel Text zugesprochen. Erst in Lot Vekemans Schwester von beginnt sie nach Jahrtausenden des Schweigens unter großen Anstrengungen zu sprechen, als der Tod endlich kommt um auch sie, die letzte ihrer Sippe, zu holen. Der Tod, auf den Ismene so lange gewartet hat, das sind wir Zuschauer und die Bühne ist Ismenes Fegefeuer. An diesem Abend kommen wir um über sie zu richten und sie zu erlösen – oder zu bestrafen.

Diese Inszenierung ist nicht nur der verzweifelte Monolog einer vergessenen und fehleingeschätzen Figur, er ist auch Reflexion über die Theatersituation an sich. Das Publikum sitzt da, schweigend und „mit verschränkten Armen“, während die Hauptdarstellerin sich den Mund fusselig redet, um nicht nur beachtet, sondern auch belohnt zu werden. Elsie de Brauw, die die Figur der Ismene in allen emotionalen Facetten überzeugend darstellt, würde alles für uns tun und schreit ins hell erleuchtete Publikum: „Was wollt ihr hören?“ Wir schweigen.

Ismene kann uns in dieser Geschichte zugegebenermaßen auch nichts neues erzählen. Sie kann sich selbst verteidigen und uns mit Allgemeinplatz-Weisheiten füttern wie „Man kann ein Recht auf alles mögliche haben. Aber wenn man es nicht bekommt, hat man es nicht.“ Trotzdem hören wir ihr gerne zu, wenn sie die alten Mythologien kritisch auf den Punkt bringt. Wir verzeihen ihr, wenn sie sagt, sie wäre gerne eine Heldin gewesen, aber sinnlos sterben, das wollte sie nicht: „Ich habe auch Prinzipien!“ – und die sind eigentlich völlig in Ordnung. Ismene ist eine normale, kluge, junge Frau und nicht weniger moralisch oder mutig als wir Durchschnittsmenschen.

Auch wenn man die Geschichte um den Ödipus-Clan schon hundertmal gehört hat und Ismene uns mit ihrer Version nicht überrascht: Elsie de Brauw spielt so umwerfend gut, dass wir ihrer Ismene zum Abschied gerne Erlösung im belohnenden Applaus schenken.

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