Migranten. Die Schafspelzratten und Gleis 11 im Vergleich.

Am 18. Mai wurde im Import Export das Stück Die Schafspelzratten uraufgeführt. Nach eigenen Angaben entwickelte der türkisch-stämmige Regisseur Emre Akal das Stück aus einer Reihe von Interviews mit Immigranten der ersten, zweiten und dritten Generation. Darin erzählt er keine lineare Geschichte, sondern lässt die vier nicht ganz eindeutigen Figuren in einer Abfolge von unzusammenhängenden Szenen für sich sprechen.

Bei den Figuren handelt es sich um eine junge Frau, einen jungen Mann, eine alte Frau und einen alten Mann. Während die jüngeren Figuren scheinbar Deutsche mit Migrationshintergrund sind, die sich durch einen sehr lyrischen Text eher als abstrakte Figuren von den beiden älteren Figuren abgrenzen, greifen diese den bekannten Faden aus dem Kammerspiele-Stück Gleis 11 von Christine Umpfenbach und Paul Brodowsky auf: Sie sind mit der Gastarbeiter-Welle in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen und erzählen nun ihre Geschichten in monologischen Szenen. Das Außergewöhnliche daran: Er spricht in gebrochenem Deutsch, teilweise völlig unverständlich und es kommt vor, dass er sogar einen Stoß in die Seite braucht um zu merken, dass er in seiner Muttersprache redet. Seine Partnerin hingegen spricht von ihrer türkischen Herkunft im besten Bayerisch! Das ist einerseits komisch, andererseits symptomatisch für viele Immigranten, die irgendwie zwischen den Nationalitäten stehen.

Der Vergleich von Die Schafspelzratten zu Gleis 11 drängt sich auf, denn nicht nur das Thema der Einwanderung von Gastarbeitern sowie die Folgen für die betroffenen Familien ist den Theaterprojekten gemeinsam. In beiden Fällen spielt Authentizität eine große Rolle. Auch wenn der Begriff zunächst einmal nicht ganz einfach ist, möchte ich an dieser Stelle daran festhalten und verwende ihn im Sinne von Glaubwürdigkeit des dokumentarischen Gehalts. Wie dokumentarisch das Ganze tatsächlich ist, ist eine andere Frage. Mir geht es darum, ob ich diesen Figuren und Stücken glaube, mich mit den Problematiken auseinander setze und sie ernst nehme, oder nicht.

In beiden Inszenierungen spielt dabei der Aufführungsort eine bedeutende Rolle. Während Gleis 11 dort stattfindet, wo die Immigration von Gastarbeitern im München der 1960er Jahre faktisch umgesetzt wurde, nämlich am Gleis 11 des Hautbahnhofs sowie dem darunterliegenden Luftschutzbunker, in dem die Einwanderer empfangen und in Richtung ihres endgültigen Bestimmungsortes weitergeleitet wurden, findet Die Schafspelzratten dort statt, wo wir Immigranten heute verorten: In einem Stadtviertel, das stärker als andere mulikulturell geprägt ist, genauer gesagt in Bahnhofsnähe, wo häufiger als andernorts in München internationale Restaurants, Geschäfte und Kulturzentren zu finden sind.

In Gleis 11 bedeutet das Auswandern von südlichen Ländern nach Deutschland Hoffnung der Gastarbeiter auf ein Paradies; Es geht um Migration, wie sie als Lebensereignis stattfindet und das Leben der Menschen an diesem speziellen Ort und von diesem historischen Moment an verändert. Dagegen stellt sich Immigration in Die Schafspelzratten als weit entferntes Ereignis und unveränderlicher Fakt dar, das nicht nur für die erste Generation Herausforderungen mit sich bringt, sondern auch für die Folgegenerationen Heimatlosigkeit und ein Gefühl des Immer-Anders-Seins bedeutet. Das Thema ist in beiden Stücken das Gleiche, nur der Blickwinkel ist anders. In beiden Inszenierungen unterstützt der Aufführungsort die Glaubwürdigkeit der Figuren und deren Geschichten. Der jeweilige Ort durchbricht die Distanz des Zuschauers und zerrt ihn in die historische bzw. soziale Lebenssituation der Sprecher. Diese sind in Gleis 11 sogenannte „Experten des Alltags“, also Laiendarsteller, die ihre persönliche Geschichte erzählen. In Die Schafspelzratten dagegen sind es fiktive Figuren, die zwar auf Interviews mit „echten“ Immigranten beruhen, aber von professionellen Schauspielern gespielt werden. Dennoch kommt mir Die Schafspelzratten authentischer vor. Das ist natürlich völlig absurd, doch da die Laien in Gleis 11 einen auswendig gelernten Text vortragen, der an manchen Stellen sehr mit ihrer eigenen Sprache und Persönlichkeit bricht, wirkt das Ganze äußerst aufgesetzt. Zu guter Letzt bewirkt die Atmosphäre im Luftschutzbunker auch noch, dass die Zuschauer eine Beklemmung erfahren, die zum Teil mit dem 2. Weltkrieg zusammenhängt. Es scheint vor allem, als sollten die Deutschen heute angesichts ihres Umgangs mit den Fremden damals in erster Linie Betroffenheit fühlen.

Zugegeben: Das Konzept in Gleis 11 ist vielversprechend und vielschichtiger als das der Schafspelzratten. Dennoch halte ich Die Schafspelzratten für das interessantere Stück, das vielleicht einfacher gestrickt ist, aber nicht auf der Ebene des Vorwurfes und am Blick in die Vergangenheit haften bleibt. Mit Humor auf der einen Seite und poetischer Sprache auf der anderen Seite behandeln die Figuren ihre eigenen Probleme. Sie packen sich an der Nase und erkennen, was auch sie selbst in der Vergangenheit vielleicht falsch gemacht, missverstanden und verleugnet haben. Die berechtigte Kritik an der Gesellschaft bleibt dabei nicht aus, doch statt sich an die Fehler der Vergangenheit zu klammern geht der Blick ins Jetzt: Es geht um unsere Wahrnehmung von Immigranten heute. Es geht um Vorurteile und mangelnde Gleichberechtigung, vermittelt durch authentische Figuren in einer ansprechenden Inszenierung. Darum empfehle ich Die Schafspelzratten gerne weiter.

Weitere Termine: Do 24.05. / Fr 25.05. / Sa 26.05., 20 Uhr

Ort: Import Export, Goethestraße 30, 80336 München

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