Nackt für Spencer Tunick – ein Erfahrungsbericht

Fremdkörper. Erstaunlich, wie ein wenig Farbe alles verändern kann.

Samstagnacht, 2 Uhr in München. Noch immer frage ich mich: Soll ich das wirklich tun? Ich hatte noch nie ein besonderes Bedürfnis nach Nacktheit, schon gar nicht im öffentlichen Raum. Was soll´s – nach dem Sieg der Deutschen Fußballelf im EM-Viertelfinale ist Münchens Leopoldstraße eine Partymeile, auf der sich die Zeit bis zur Kunstaktion von Spencer Tunick zum Auftakt der Opernfestspiele 2012 gut überbrücken lässt.

Kurz nach 3 Uhr gehe ich mit ein paar Freunden in Richtung Marstallplatz, wo das nächtliche Event starten soll. Bereits am Eingang beschleicht mich ein mulmiges Gefühl: Nachdem wir unterschreiben, dass wir als Teilnehmer sämtliche Bildrechte an die Bayerische Staatsoper abtreten (ein Standard, den ich zwar verstehe, mich aber trotzdem mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins zurück lässt), werden wir entsprechend unserer späteren Rasse, pardon, Farbe sortiert. Links die Roten, rechts die Goldenen – eingezäunt wie eine Herde Schafe, die von Opernpersonal in grellen Warnwesten bewacht werden. Nun gut. Die Masse lässt sich nicht stören. Menschen lernen sich kennen. Man witzelt miteinander über die Kälte. Wenigstens bekommt man Kräutertee gereicht.

Nach etwa einer Stunde Wartezeit ist es so weit. Spencer Tunick und die Leiter treten auf. Er gibt halbverständliche Anweisungen durch ein aggressiv verstärkendes Megafon, die von einem genauso schlecht verständlichen Übersetzer wiederholt werden: „Wenn Spencer Tunick es Ihnen sagt, ziehen Sie sich aus und malen sich an! Der ganze Körper muss bedeckt sein – auch die Fußsohlen und die Haare! Benutzen Sie die ganze Dose Farbe! Kontrollieren Sie sich gegenseitig! Wer farblose Streifen am Körper hat, wird aus der Installation entfernt! Wer die Haare nicht mit Farbe bedeckt, wird aus der Installation entfernt! Wer Alkohol trinkt, wird aus der Installation entfernt!“ Von Anfang an werden wir als Masse ausgewiesen, die gefälligst zu tun hat, was der große Meister befiehlt. Meine Freunde und ich zögern: Sollen wir uns diesen Ton gefallen lassen? Nach einigem hin und her entscheiden wir uns für die Aktion: Wahrscheinlich kommt eine solche Gelegenheit nie wieder und überhaupt; wir haben uns bereits die halbe Nacht um die Ohren geschlagen. Wer weiß außerdem, wie man um diese Uhrzeit nach Hause kommen soll…?

Um uns herum fallen die Hüllen. Fast schon erstaunlich, wie niedrig die Hemmschwelle plötzlich gesunken ist. Ganz schnell sind alle nackt. Oder zumindest fast: Wir klammern uns an jedes einzelne Kleidungsstück und färben uns vorsichtig Körperteil um Körperteil ein – allerdings zögern wir nicht aus Scham, sondern wegen der Kälte. 12° C soll es gehabt haben. Als die rote Masse fertig ist (die später Goldenen dürfen noch ein wenig warten), geht es pünktlich zum Sonnenaufgang los. Wir ziehen durch den Hofgarten, wo wir auf die ersten zufälligen Zuschauer treffen. Wir ahnen, dass das Gelände nicht so gut abgeriegelt ist, wie angekündigt. Als wir schließlich auf die Ludwigstraße einbiegen, werden wir gar mit einem LKW voller Pressefotografen konfrontiert. Doch die Masse ist fröhlich und fühlt sich durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit sicher und agiert selbstbewusst.

Beim Zurechtrücken der geschätzten 900 rot gefärbten Teilnehmer (insgesamt sollen es 1700 Leute gewesen sein) auf der abgesperrten Ludwigstraße kommt es zu ersten Schwierigkeiten: Die Technik will nicht, die Kommunikation des Organisationsteams funktioniert nicht und die Leute stehen auch nicht gleich so, wie Spencer Tunick es möchte. Er fängt an herumzuschreien, gibt Order an die Teilnehmer, der Übersetzter macht Fehler. Verwirrung breitet sich aus. Doch zum Glück bleiben die Roten bei Laune und irgendwie gelingt es schließlich, Spencer Tunick zu befriedigen. Zumindest nehme ich es an. Denn Lob oder Dank gab es nicht, aber immerhin konnten wir nach einiger Zeit die Straße wieder freigeben und weiterziehen. Das zweite Shooting gab es an der Feldherrnhalle.

Dort beginnt das ganze Spiel von vorne: „Weiter nach vorne! Lücken auffüllen! Nach vorne schauen! Nicht lächeln! Brillen abnehmen! Hände nach oben!“ Die Anweisungen werden immer konkreter, aber damit auch unhöflicher. Ich frage mich, ob Spencer Tunick wirklich Kunst machen will oder einfach nur gerne nackte Menschen herum kommandiert. Als er die Gruppe auffordert, auf den Boden zu legen, macht sich leichter Unmut breit. Da unten ist es ziemlich kalt. Als es mich am ganzen Körper durchschüttelt, weil Zittern nicht mehr reicht und meine Freundin mir einen Zigarettenstummel vom Hintern schnippst habe ich keine Lust mehr. Ich sehne mich nach Tee, einer Dusche und vor allem nach Schuhen. Die Steinchen und Scherben am Boden werden immer schärfer, die Füße immer kältern. Als wir schließlich im Schatten der Residenz abgestellt werden, wo wir warten sollen, bis Spencer Tunick mit den Fotos der Goldenen fertig ist, habe ich genug. Meine Freunde und ich gehen, denn eines ist klar: Die Aktion hat zwar Spaß gemacht und wir wären vielleicht auch länger geblieben, wenn man uns freundlicher behandelt hätte, aber so oder so – krank werden will keiner. Darum haben wir das Shooting frühzeitig abgebrochen, doch wir sind trotz aller Kritik mit guter Laune nach Hause gefahren.

In verschiedenen Artikeln habe ich gelesen, Tunick hätte sich später und bei anderer Gelegenheit noch mehrfach bei den Teilnehmern bedankt. Vielleicht ist er ja ein Morgenmuffel. Meine Laune wäre jedenfalls bei höheren Temperaturen auch besser gewesen.

Links zu verschiedenen Artikeln und mehr Fotos von mir gibt es hier.

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8 Gedanken zu “Nackt für Spencer Tunick – ein Erfahrungsbericht

  1. Oh – danke für Deinen Bericht, für einen kurzen Augenblick habe ich auch ans teilnehmen gedacht, letztendlich, der Bequemlichkeit wegen, jedoch verworfen. Massen in der Größenordnung zu bewegen, geht wahrscheinlich nur schwerlich mit „gutzureden“, deshalb kann ich den Tonfall nachvollziehen. Das Ergebnis allerdings ist doch der Mühe Lohn, oder? Herzliche Grüße und toll dass Du mitgemacht hast, Daniela

    • Ja, ein Stück weit kann ich den Tonfall mit den knappen und klaren Anweisungen auch verstehen, aber ich habe letztlich konsequent reagiert und bin gegangen, als es mir genug war. Es war eine tolle Erfahrung und ich freue mich schon auf das versprochene Bild, aber ich gestehe: einmal und nie wieder. Ich habe Spencer Tunick erlebt und ich habe an außergewöhnlicher Kunst teilgenommen. Ich schätze jedoch, dass jeder weitere Versuch, bei einer solchen Aktion teilzunehmen, nur wie die aufgewärmte Version des „Ersten Mal“ wirken würde. Trotzdem würde ich es dir sofort weiterempfehlen, bei einer Tunick-Aktion mitzumachen! Denn das ist sicherlich eine tolle Geschichte, die man noch den Enkeln erzählen wird 😉

      • die Erinnerung ist bleibend, das glaube ich gerne:) Am Sonntag lief ich diesen Weg bewusst entlang und konnte Deine Beschreibungen gut nachvollziehen. Eine Frage kam mir noch in den Sinn: wie bzw. wo wurde eigentlich Eurer Hab&Gut aufbewahrt und wie konntet ihr Euch so farbig nackt „ausweisen“?

        • Es war so organisiert, dass ein Großteil des Marstallplatzes abgesperrt war. Beim Betreten des ringsum bewachten Geländes gab man seine privaten Daten an und gab die Bildrechte schriftlich ab. Danach erst bekam man die Farbe und einen Plastikbeutel, in den man die Klamotten, Geldbeutel und was man sonst noch so dabei hatte hinein legte. Das heißt, alle Teilnehmer ließen ihre Wertsachen auf dem abgesperrten Gelände und in der Obhut des Opern-Wachpersonals zurück. Nur wer nackt und farbig zurück kam, wurde auch wieder auf den Platz gelassen 😉
          Vor der Aktion fand ich es auch bedenklich alles offen liegen zu lassen, weil man ja nie weiß, ob nicht irgend so ein Spaßvogel auf die Idee kommt, die Kleidung an einen anderen Platz zu legen oder gar etwas zu klauen. Bisher habe ich aber nichts dergleichen gehört und vermisse auch selbst keine Socken… 🙂

  2. das phänomen, dass nacktheit gar nicht mehr so verletzlich macht, wenn man mit vielen nackten zusammen ist, fidne ich schon in der sauna erstaunlich. ich finde es aber auch gut, dass ihr gegangen seid, als es euch reichte – kunst hin oder her, das muss doch einem von den angezogenen klar sein, dass die laune besser wird, wenn man zu den leuten freundlich ist… kudos.

    • Was mich noch überrascht hat war, dass ich nicht ein einziges Mal den Eindruck hatte, voyeuristischen Blicken ausgesetzt zu sein. In der Sauna ist es mir dagegen schon passiert, dass ich lüsternen Blicken begegnet bin.
      Außerdem sollte ich vielleicht noch betonen, dass z. B. das Wachpersonal wirklich höflich war, nett mit uns geplauscht hat und meiner Freundin, die ihre weißen Sneaker nicht mit roter Farbe bekleckern wollte, sogar noch die Schuhe geschnürt hat. 🙂

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