Lebensgeschichten und Geschichten für´s Leben

Gute Geschichten gehören für mich dazu. Zu allem. Zum Leben, zum Lernen, zum Entspannen, zum Weltverstehen. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich Theaterwissenschaft studiere? Weshalb ich Theater liebe, aber auch Filme, Fernsehserien und Bücher? Weshalb ich mich neuerdings mit Videospielen, Graphic Novels und Storytelling in Social Media befasse? Ich gebe es zu: Wenn ich einmal mit einer Serie beginne, fällt es mir schwer, dem Alltag zuliebe damit wieder aufzuhören. Als ich vor einigen Wochen diese starke und hartnäckige Grippe hatte, habe ich fast alle zehn Staffeln der US-Fernseh-Serie Friends gesehen (die perfekte leichte Kost für ein grippegeschädigtes Hirn). Als Kind ging es mir vor allem mit Büchern so: In unserer klitzekleinen, örtlichen Leihbibliothek hatte ich die Abteilung mit Kinderliteratur ziemlich schnell durch und ging deshalb früh zur „Erwachsenenliteratur“ über. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich in der Pubertät andere Bücher, sprich: gute Jugendliteratur, gelesen hätte, doch abgesehen davon, dass diese kleine, katholische Bibliothek zahlenmäßig wie inhaltich recht überschaubar war, hatte ich damals noch lange nicht geahnt, was manche Bücher bewirken können…

Im Englischen erschien John Irvings „In One Person“ beim Verlag Simon & Schuster.

Als Kind habe ich vor allem Geschichten gelesen, in denen Mädchen lernen „wie Mädchen sind“, bzw. wie sie gute Hausfrauen werden (mit 12 Jahren hatte ich zum ersten Mal Panik, dass ich vielleicht keinen Ehemann finde, wenn ich nicht weiß, wie man einen Haushalt führt und einen guten Braten kocht). Diese Literatur wurde abgelöst von schlechten Fantasy-Romanen. Danach las ich einige Zeit lang vor allem historisierende Romane während ich in der Realschule Bücher vorgesetzt bekam, die mir erzählten, dass Drogen und Satanismus böse sind. Erst als ich mit 17 Jahren ins Gymnasium kam, lernte ich die wahre Bedeutung von „Literatur“ kennen. Damals begann ich durch Lessing, Schiller und Goethe Sprache zu genießen und Bücher auf eine neue Weise zu lesen. Zum ersten Mal las ich Dramen. Ich bin mir wirklich nicht sicher, aber ich glaube mein erstes Drama ever war Schillers Maria Stuart. Aber besser in Erinnerung geblieben ist Lessings Emilia Galotti (ja, ja, kein Drama sondern bürgerliches Trauerspiel), die ich kurze Zeit später gelesen habe.

Jedenfalls habe ich, obwohl ich mich selbst immer als Leseratte gesehen hatte, in dieser Zeit erst verstanden, was Literatur kann. Was ich damit meine: Literatur hat mir neue Welten gezeigt. Sie hat mir alternative Lebens- und Denkweisen eröffnet, mich neu erzogen. Von guter Literatur war es schließlich nicht mehr weit zum Theater und zu dem, was ich mit den eingangs erwähnten Geschichten meine: Gut erzählte Geschichten, mit Figuren, in die man sich einfühlt, mit Problemen, die man vielleicht kennt oder erst beim Lesen er-kennt, mit Ideen, die ein Leben verändern können.

Das letzte Buch, das ich gelesen habe, gestern erst fertig gelesen habe, hat definitv das Potential dazu. Es ist John Irvings In One Person, in der es um die „richtige“ Sexualität und die eigene Sexualität geht, um Geschlechtsidentität und um Geschlechterrollen. Irving erzählt die Geschichte eines bisexuellen Mannes in Zeiten von sexueller Unterdrückung in den 1950er und 60er Jahren, in der großen AIDS-Ära der 1980/90er und vermeintlicher Anerkennung in der heutigen ach so queer-geprüften Gesellschaft. Wer mehr darüber wissen will, kann sich diesen Artikel der SZ-online durch lesen (Achtung: Spoiler!), besser aber, das Buch selbst lesen. Eine deutschsprachige Leseprobe gibt es beim Diogenes Verlag.

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7 Gedanken zu “Lebensgeschichten und Geschichten für´s Leben

  1. Ich hab grade „Last Night in Twisted River“ gelesen, wenn du magst schick ichs dir. Das holzfällerlastige Vokabular hat mir zwar etwas Probleme gemacht, es ist aber eine schöne Geschichte mit den üblichen Zutaten (Bären, komplizierte Familienverhältnisse, ältere Frauen, Ringer, der Vietnamkrieg). Und nur halb so lang wie „Gottes Werk und Teufels Beitrag“.

  2. ach, schön! bin ein riesen irving-fan, mir hat auch das Last Night in Twisted River gefallen. dann werde ich wohl auch den mal lesen…
    übrigens, wenn du auf storytelling in social media stehst: ist dir der Slender Man und Marble Hornets schon ein begriff? kam da neulich durch einen kommentar meines bruders drauf und habe dann einen halben tag mit parallel-konsum von twitter und youtube verbracht (absoluter zeitfresser…). und nachts habe ich mich schön gegruselt…! fand ich eine tolle nutzung der plattformen zusammen, storytelling 2.0 sozusagen.

    • Hallo 🙂 Ich muss zugeben, dass ich bisher nur „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ gelesen habe. Aber nach dem letzten Buch steht Irving ganz oben auf meiner Liste mit Lieblingsautoren. Ich mag seinen Stil und vor allem seine Figuren.
      Slender Man kenne ich vom Zusehen, als mein Freund das Spiel ausprobiert hat – das war mir schon gruselig genug! Marble Hornets kenne ich noch nicht. Aber jetzt steht ja wieder ein Feiertag an, dann google ich mich da mal durch 😉 Danke für den Tipp!

      • Wenn du mit Irving gerade anfängst, würde ich dir Owen Meany und Zirkuskind ans Herz legen. Neben dem niederschmetternden Until I find you meine lieblingsbücher von ihm. ^_^ (am allerliebsten übrigens im original…)

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