Eure ganz großen Themen sind weg!

Szene aus Polleschs „Eure ganz großen Themen sind weg!“
Quelle: http://www.dazeddigital.com

Gestern Abend habe ich endlich (nachdem ich es schon seit Wochen, ach was sag´ ich: Monaten! plane) René Polleschs Stück „Eure ganz großen Themen sind weg!“ an den Münchner Kammerspielen gesehen. Und ganz ehrlich: in den ersten fünf Minuten dachte ich „Och nö, nicht schon wieder so ein schneller-schneller-hetz-hetz-laber-laber-schwätz-schwätz-Stück!“, bei dem die Darsteller ihren Text in monotoner Stimmlage und möglichst schnell und unverständlich über die Bühne rufen. Aber ich habe mich in die Irre führen lassen. Ja, es ist ein Pollesch-Stück. Ja, es gibt ein mitunter wirres Textstakkato. Aber das Konzept geht auf und ist in keinster Weise einfallslos und langweilig. Im Gegenteil: Ich habe viel gelacht. Theaterkritikern genügt dies meistens nicht, aber ich frage mich: „Warum eigentlich nicht?“ (aber dieser Frage muss ich ein anderes Mal nachgehen) Sei´s drum.

Pollesch bedient sich in „Eure ganz großen Themen sind weg!“ im großen Stil in der Film- und Popkultur. Als Basis dient der Film „Being John Malkovich„, in dem die Menschen gegen ein Eintrittsgeld durch eine Tür hindurch und in den Kopf von John Malkovich eintreten können. An den Kammerspielen betreten die Darsteller den Kopf der hervorragenden Schauspielerin Katja Bürkle bzw. ein zweistöckiges Totenkopfgebilde à la Damien Hirst, das sich in einer urbanen Brachfläche befindet. Dort werden die ganz großen, wertlos gewordenen Themen wie Liebe und Tod verhandelt.

In einer sich schnell drehenden postdramatischen Diskursmaschine wirbeln Text- und Bild-Zitate durch den Raum. Es ist ein typisch Pollesch´scher Mix aus popkultureller Unterhaltung und marxistischem „Mehrwert„, der auf das zeitgenössische Bild von Kultur und Sozialleben übertragen wird und dabei die großen Medien(vor)bilder zitiert. Berühmte Filmfiguren treten auf: Wir sehen Dorothy (Judy Garland) aus „Der Zauberer von Oz„, E.T., Holly (Audrey Hepburn) aus „Breakfast at Tiffany´s„, Uma Thurmans Rollen in „Kill Bill“ und „Pulp Fiction“ sowie den Joker (Heath Leadger) aus „Batman – The Dark Knight“ – um nur ein paar davon zu nennen.

Mit ein paar der Textfetzen könnte man glatt schön-ironisch Couchkissen besticken: „Bei vielen Paaren klappt das irgendwie – die bleiben lange zusammen ohne sich wirklich gebrauchen zu können.“ So ist das also mit der Liebe. Pollesch weiß es ja schon länger: Die ist nämlich kälter als das Kapital.

Wer den Stil von René Pollesch nicht mag, wird „Eure ganz großen Themen sind weg!“ nicht leiden können. Wer Pollesch gerne sieht, wird dieses Stück mögen. Wer Pollesch nicht kennt: Unbedingt mal ausprobieren! Zum Beispiel heute Abend.

Letzte Aufführung an den Kammerspielen in der Spielzeit 2011/12: Dienstag 21. Juli 2012

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