Alles „nur“ Theater!?

Was für eine Frage, was für eine Aussage!

Bitte distanziert euch einen Augenblick lang von den gedruckten Wörtern und sprecht sie mehrmals laut aus: ALLES NUR THEATER – Wie viele Möglichkeiten tun sich da auf?!

Alles, ja, die ganze Welt ist Theater! Sei es als Freundin, als Tochter, als Studentin oder als Dienstleisterin – wie alle Menschen spiele ich täglich verschiedene soziale Rollen. Wir alle Stellen immerzu etwas dar, etwas, als das wir gesehen werden wollen – und bedienen uns dabei ganz klassischer theatraler Mittel, passen unsere Sprache, unsere Körperhaltung, unsere Kleidung an den jeweiligen Auftritt an. Allerdings möchte ich nun nicht zu weit ausschweifen. Schließlich heißt es bei der Blogparade des Theater Heilbronns ganz klar: Alles „nur“ Theater!? Gefragt wird nach der Beziehung zur Kunstform Theater, spartenübergreifend und individuell. Gefragt wird nach prägenden Theatererfahrungen. Nach dem letzten, nach dem besten, nach dem ersten Mal.

Mein letztes Mal? Das ist einfach: Vorigen Sonntag, ein Gastspiel im Münchner Stadtmuseum: Gullivers Reisen – eine Figurentheaterinszenierung für Kinder des Figurentheaters Pantaleon. Gut gespielt, gut inszeniert und unterhaltsam, aber nicht weltbewegend und vermutlich werde ich in 10 Jahren nicht mehr daran zurück denken. Das erste Mal? Keine Ahnung. Ich kann mich dunkel an einzelne Theaterbesuche in meiner Kindheit erinnern: Amateurtheater, Hau-drauf-Kasperletheater, Mundartliches. Aber das erste Mal wird vielleicht überbewertet. Interessanter ist, was wirklich hängen geblieben ist. Auch hier kann ich nicht behaupten, dass es sich um ein bestimmtes Theatererlebnis oder eine konkrete Inszenierung handelt, die mich besonders beeinflusst hat. Es sind viel mehr einzelne Details aus verschiedenen Theaterabenden zu unterschiedlichsten Zeiten. Einen besonderen Stellenwert hat höchstens mein erster Operettenbesuch. Zwar weiß ich heute weder, wer in dieser Frankfurter Zauberflöte für Regie, Bühnen- oder Kostümbild verantwortlich war, noch wer darin auftrat, doch ich kann mich erinnern, wie ich mit 15/16 Jahren die Königin der Nacht hörte und von Kopf bis Fuß in eine Gänsehaut gehüllt war. Damals hat mich das sehr beeindruckt. Es war der Anfang einer großen Liebe.

Seitdem zieht es mich ins Theater. Im Laufe der Jahre habe ich mich immer wieder mit den unterschiedlichsten Sparten beschäftigt, sowohl als Zuschauerin als auch im Studium. Inzwischen habe ich eine besondere Vorliebe für Figurentheater, für freies Theater und für spartenübergreifende, intermediale Inszenierungen. Ich bin mir nicht sicher, weshalb das so ist. Vielleicht, weil ich das Spiel mit dem Objekt, mit moderner Technik, mit starkem Körperausdruck und zeitgenössischen Texten besser mit meiner Lebensrealität verknüpfen kann als die Klassiker der Dramenwelt? Weil ich nicht in Versen spreche? Weil ich nicht singe? Weil ich mich weder mit einem Papageno noch mit einem Faust identifizieren kann? Weil meine Moralvorstellungen nicht mit denen von Emilia Galotti übereinstimmen? Weil ich nicht an den einen Romeo glaube? Doch was finde ich dann im Theater?

Es sind diese vielen kleinen Momente, Erkenntnisse und Gefühle. Es sind die Aha!- und die Oho!-Effekte.

Wenn Agnés Limbos in ihrem modernen Vanitas-Stück eine Conversation avec un jeune homme eingeht und man plötzlich ein Gefühl dafür bekommt, wie bizarr die menschliche Existenz ist.

Wenn man von der Kreolsprache Unserdeutsch überrascht und mit Deutscher Kolonialgeschichte konfrontiert wird.

Wenn man für eine kurze Zeit intensive Intimität mit einem Fremden erlebt, weil man ein Hotelzimmer mit einem Geist teilt.

Wenn man das Labyrinth der Situation Rooms durchwandert und in der Überlappung von Realität und Virtualität erkennt, was Rüstungsindustrie und Waffenlobbyismus im Kleinen wie im Großen bedeuten.

Dabei ist Theater nicht immer gut. Theater kann verstörend und verletzend sein. Manchmal ist es langweilig. Doch nur, weil man mal einen schlechten Theaterabend erlebt (egal ob eine unzulängliche Regie, ein miserabler Sitzplatz oder ein unverständlicher Theatertext Schuld an der Unzufriedenheit sind) sollte man das Theater nicht gleich aufgeben. Bleibt dran! Denn Theater kann so vieles sein: schön, verwirrend, versöhnlich, politisch, poetisch, unheimlich, humorvoll, lehrreich, überraschend, überzeugend, kritisch, rational oder emotional. Theater ist so bunt wie das Leben und kein Theaterabend ist wie der andere. Theater ist Fiktion und Realität zugleich. Theater ist Nahrung für den Geist. Darum bin ich Theatermensch. Und darum ist das Theater für mich niemals „nur“ – selbst wenn es nur für einen Abend existiert. Selbst wenn alles nur gespielt ist. Denn Theater tritt ein in das Leben seiner Zuschauer und genau da gehört es hin.

Und dafür, liebe Heilbronner, lohnt sich doch der Kampf hinter den Kulissen um „die Bedeutung eines Wortes, die Intensität eines Blickes“ oder „Veränderbarkeit der Welt durch Kunst,“ wenn man Theater macht, nicht wahr?

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