Hunger&Seide (&ich)

Foto und Interview mit Jochen Strodthoff im Blog des Rodeo Festivals 2012: http://rodeomuenchen.wordpress.com/2012/06/03/bumm/

Heute möchte ich euch einfach mal von einer meiner liebsten Theatergruppen erzählen. Von Hunger&Seide. Dabei handelt es sich um das Duo aus Judith Al Bakri und Jochen Strodthoff, das seit 2006 gemeinsam ihr Unwesen in der Freien Theaterszene Münchens treibt. Zusammen mit wechselnden anderen Künstlern bringen sie mit viel Einfallsreichtum aktuelle Themen auf die Bühne.  Im Mai hat Hunger&Seide den george tabori förderpreis 2012 des Fonds Darstellende Künste erhalten.

Zuletzt habe ich ihr Stück „Wer ist dein Wolf?“ gesehen, das ich jedoch von all den Stücken, die ich bisher von Hunger&Seide gesehen habe, am schlechtesten umgesetzt finde. Das Thema ist die Wirtschaftskrise samt geplatzter Immobilienblase in den USA. Gleichzeitig verflechten sie die Fragen um das menschliche Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit mit der Ästhetik alter Horrorfilme und dem Werwolfmythos. Der Wolf gilt bei Hunger&Seide als Sinnbild für die Ängste des Menschen. Seien es die Ängste der werdenden Mutter, die des Kleinbürgers bei der Kreditaufnahme und dem Versicherungsabschluss oder die Angst des Singles vor der Vereinsamung. Insgesamt kein schlechtes Konzept. Insbesondere ist es ein Vergnügen, Jochen Strodthoff als modernen Cowboy über die Bühne stiefeln zu sehen. Doch ein großes Manko hat das Stück: Fast ununterbrochen sprechen die Darsteller im schlechtesten amerikanischen Akzent, den ich je gehört habe. Klar: je stärker der Akzent, desto weniger versteht der Zuschauer. Doch ganz ehrlich, liebes Hunger&Seide-Team, das hätte es nun wirklich nicht gebraucht. Zumindest nicht über die Eingangsszene hinaus. Diese übrigens ist wirklich herausragend! Wahrscheinlich ist es die witzigste Szene, die ich in den letzten zwölf Monaten gesehen habe. Jedenfalls für Theater- und Filmliebhaber. Denn zu Beginn des Stückes spielen die fünf Darsteller (neben Judith Al Bakri und Jochen Strodthoff performen auch Thomas Meadowcroft, Philip Bergmann und Rainer Haustein) sich selbst, in einer amerikanisierten, vielleicht Hollywood-Version ihrer selbst. Dabei nehmen sie allerhand Theater(wissenschafts)themen wie Schauspiel- und Gendertheorien auf die Schippe. Darin zeigt sich auch Hunger&Seides persönlicher Wolf: Kann man als Schauspieler und Theatermacher immer alles richtig machen? Das Publikum und Kritiker wirklich befriedigen? Wahrscheinlich nicht. Aber Hunger&Seide ist da auf dem richtigen Weg. Dennoch empfehle ich „Wer ist dein Wolf?“ nicht unbedingt als Einstieg in die Theaterwelt von Judith Al Bakri und Jochen Strodthoff.

Mein Lieblingsstück von Hunger&Seide ist „BUMM! Der Ernstfall“. Darin greifen sie aktuelle Themen wie die Angst vor und das Eintreffen von (Natur-/Umwelt-/sonstigen) Katastrophen auf und verbinden sie mit der zeitgenössischen Neigung des Menschen immer die eigene, vorwiegend kritische Meinung zu äußern. Am interessantesten und geradezu ungewöhnlich ist jedoch das Raumkonzept in „BUMM! Der Ernstfall“: Es gibt keine Bühne, stattdessen stehen geschätzte 60 Feldbetten wie in einem Lazarett in Reih und Glied im Raum verteilt. Vier dieser Betten sind (strategisch günstig platziert) von den Darstellern Judith Al Bakri, Jochen Strodthoff, Wowo Habdank und Irene Rovan besetzt. Der Rest gehört den Zuschauern. Hat man Glück, belegt man ein solches Feldbett samt Kissen und Filzdecke alleine, im schlimmsten Fall teilt man sich eine Liege mit der Begleitung. Als das Stück beginnt, wird die Katastrophe simuliert. Judith Al Bakri und ihre Kollegen überschütten sich mit Mehl (Vollkorn-Roggen-Mehl aus ökologischem Landbau, um genau zu sein. Jochen Strodthoff erzählte mir im Anschluss an die Aufführung vom 2.6. im Rahmen des Rodeo 2012, es hätte sich in diversen Tests als das Mehl erwiesen, das sich am besten dazu eigne, weil es weniger Juckreiz erzeugen und schöner fallen würde. Nur so als Anmerkung). Danach wird erst mal kontrolliert, was man bei sich hat. Doch was braucht man, um im Notfall durch zu kommen? Ich möchte den Rest des Stückes nicht vorweg nehmen, da ich hoffe, dass möglichst viele meiner Leser „BUMM! Der Ernstfall“ selbst sehen werden, doch eines muss noch gesagt werden: Einen Theaterabend wie diesen erlebt man so schnell nicht wieder! Dabei rede ich vor allem von den Feldbetten. Im Laufe der Aufführung konnte ich beobachten, wie die Zuschauer vom anfänglichen aufrechten Sitzen immer weiter in die Horizontale sanken. Am Ende lagen sie fast alle. So bequem war Theater noch nie! Schön auch, dass die Hemmschwelle der Theaterbesucher durch die bequeme Position, die Nähe zu den Darstellern und das offene Spiel  so leicht sinken konnte. Viele Teilnehmer des Abends trauten sich aktiv mit zu machen und große Medien-Schlagwörter des Protests, des Ärgers und des Allgemeinen-Dagegen-Seins in den Raum zu rufen, als die Darsteller am Ende in assoziativen Aneinanderreihungen ihrem eigenen Protest mehr oder weniger freien Raum ließen. Denn unter uns: eine Blacklist verbotener Protest-Wörter liegt dem Team von Hunger&Seide schon vor. Gegen was genau sie nicht öffentlich protestieren wollen, haben sie mir jedoch leider nicht verraten.

Die nächsten Termine für „BUMM! Der Ernstfall“: 11. und 12. Juli 2012 beim ARENA Festival in Erlangen.

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