Abstrakte Kunst und Kommunikation – Nachtrag zum Tweetup der Kulturkonsorten am 17.09.2012

Wie im letzten Artikel angekündigt, nahm ich am 17. September am Tweetup zu Rupprecht Geiger teil, zu der es bereits eine anschauliche und ausführliche Nachlese der Kulturkonsorten gibt.

Das Programm war umfangreich und startete um 17:15 Uhr mit einer Führung durch die aktuelle Ausstellung Geschichten im Konflikt mit der Kuratorin Sabine Brantl im Haus der Kunst. In dieser Ausstellung setzt sich das Haus der Kunst mit seinen frühen Jahren kritisch auseinander. Als „Haus der Deutschen Kunst“ erbaut, wurde es genutzt um in den zahlreichen Großen Deutschen Kunstausstellungen die Kunstdiktatur der NS-Zeit durchzusetzen. Bereits einen Tag nach der Eröffnung des neuen Kunstmuseums verdeutlichte die Femeschau Entartete Kunst  im Galeriegebäude des Hofgartens der Neuen Residenz, was in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus nicht als Kunst anerkannt wurde. Erst dauerte nach dem Zweiten Weltkrieg noch einige Jahre, bis das Museum durch die Namensänderung zum „Haus der Kunst“ und durch die Öffnung zu internationaler moderner Kunst „entnazifiziert“ wurde und Anerkennung als Kulturinstitution wiedererlangte. Auch heute noch öffnet sich das Haus der Kunst: Nicht in Sachen Kunst, sondern in Sachen Medien. Durch Offenheit im Umgang mit neuen Medien und moderner Kommunikation versucht man ein neues Publikum zu erreichen und neue Besucher zu gewinnen. So erhalten Blogger beim Haus der Kunst Journalistenstatus und durch Aktionen wie dem Tweetup öffnet man sich um Kunst in die Öffentlichkeit zu tragen. Wann sonst darf man in Ausstellungen frei fotografieren und seine Meinung samt Bild mit der Welt teilen? Die Führung zum Tweetup kann man sogar noch Tage und Wochen später über die Plattform Storify nacherleben.

„Hitler, das ist der Herr mit Schlapphut“
Während man im Treppenhaus aufsteigend nach oben blickt, dreht sich das Bild bzw. der Blickwinkel auf das Foto, Auszüge aus Hitlerreden ertönen und der Kopf schwirrt.
Foto: Christian Gries

Die Führung durch das Haus der Kunst war nicht zufällig eingeplant. In einem der fünf Ausstellungsräume werden Exponate aus den nationalsozialistisch ideologisierten Großen Deutschen Kunstausstellungen und Beispielen aus der Ausstellung Entartete Kunst einander gegenüber gestellt. Darunter befinden sich auch zwei Gemälde von Rupprecht Geiger.

Nach der Führung durch das Haus der Kunst fuhren die Teilnehmer, vom Feierabendverkehr gebremst, nach Solln. Es wurde vom Stau getwittert, so dass Julia Geiger, eine Enkelin von Rupprecht Geiger, und die Kunsthistorikerin Sandra Westermayer, die die Führung durch das Archiv Geiger leiteten, vorgewarnt waren. Das Archiv befindet sich im ehemaligen Atelier des Künstlers, dessen Arbeit im gesamten Haus Spuren hinterlassen hat.

Das Waschbecken neben Geigers Pigmentraum – ein Kunstwerk für sich.
Foto: Silke Boberg

Rupprecht Geigers künstlerisches Werk ist vor allem von einem Moment in seinem Leben geprägt: Als er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch München ging, sah er inmitten der grauen Trümmer eine junge Frau in roter Kleidung. Er sah ein „noch nie gesehenes rot“. Von diesem „Farberlebnis“ an begleitete ihn die Farbe rot für den Rest seines Lebens. In seinem künstlerischen Schaffen probierte er zahlreiche Farbzusammensetzungen, experimentierte mit irregulieren Bildformaten und verwendete verschiedene Verfahren für den Farbauftrag. Er fand den Weg der totalen Abstraktion: Seine bevorzugten Farben waren unnatürliche, intensive Tagesleuchtfarben, wie sie beim amerikanischen Militär Verwendung fanden. Lange Zeit arbeitete er im Sprühverfahren um als Künstler völlig hinter der Farbe zu verschwinden, denn seine Bilder und Objekte, insbesondere seine Farbräume, sollten in erster Linie durch die Farbe wirken und Energie auf den Betrachter übertragen. Wenn man heute in seinem Pigmentraum steht, kann man diese Energie fühlen. „Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high„, soll Rupprecht Geiger gesagt haben. Ich habe sein rot gesehen und glaube ihm jedes Wort. Den anderen Teilnehmer des Tweetup scheint es genauso gegangen zu sein. Ihre Kommentare kann man auf Storify nachlesen.

Wie man den Twitternachrichten entnehmen kann, waren die Teilnehmer des Tweetups begeistert. Zum Einen natürlich wegen der spannenden und informativen Führungen, zum Anderen aber auch wegen des Konzepts. Es durfte alles fotografiert und geteilt werden. Die Resonanz im Internet war gut, sogar aus Wien wurde die Veranstaltung verfolgt. Einige der Twitternachrichten verlinken mit Artikeln zu Hintergrundinformationen rund um Geiger. Dies muss gelobt werden: Durch die offene Kommunikation, vom Museum bzw. Archiv zu den Interessierten vor Ort sowie via Internet und umgekehrt fand ein Austausch statt. Es wurden Fragen gestellt, auch via Twitter, und Tweets kommentiert. Nicht zuletzt wurden Kontakte geknüpft. Durch Aktionen wie diesem Tweetup kann es zu einem Interessensaustausch kommen und professionelle Netzwerke können entstehen. Doch es gibt auch Nachteile: Besonders für die Person, die die Führung leitet wird es schwierig, wenn die gesamte Gruppe schweigend auf den Smartphones herum wischt und nur noch mit halber Aufmerksamkeit dabei ist. Erst wenn die Nachricht raus ist, kann es weiter gehen. Diese ständige Abwesenheit führt sichtlich zu Verunsicherung und verlangsamt die Gruppe. Darum halte ich es für sinnvoll, wenn nicht nur aktive Twitterer an Tweetups teilnehmen, sondern wie bei dieser Veranstaltung auch Blogger und „Normalbesucher“ eingeladen sind, um die Atmosphäre der Führung zu unterstützen. Gut gelöst war diese Situation auch durch das Einsetzen von zwei Führern im Archiv Geiger, die besonders stille Momente durch den gemeinsamen Dialog überbrücken konnten. Vielleicht ist es aber auch eine Frage der Gewohnheit, bis diese Art der Kunstvermittlung und Interaktion nicht mehr verunsichert, sondern nur noch begeistert. Die Teilnehmer am Montag jedenfalls haben das Archiv Geiger gut gelaunt verlassen und sogar noch zusammen zu Abend gegessen. Ohne Twitter.

 

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Ergänzung:

Inzwischen haben sich die Meldungen von Tweetup-Teilnehmern vermehrt, siehe bei:

talkingstreet

Schreibstoff

Und auch Julia Geiger kommentiert die Führung durch das Archiv Geiger.